
Die Erzvorkommen bei Rescheid sind bekannt geworden durch den viele jahrhunderte-lang dauernde Abbau von hochwertigen Bleierzen, der sich auf die Gewinnung eines einzigen Minerales beschränkte, die von Bleiglanz (PbS). Dass es außer Bleiglanz eine ganze Anzahl weiterer Mineralien in diesen Vorkommen gibt, ist hingegen nur den Sammlern und Mineralienfreunden bekannt. In der wissenschaftlichen Literatur ist bislang nie in ausführlicher Weise die Gesamtparagenese, d. h. die gesamte Gemeinschaft der hier zusammen auftretenden Mineralien, beschrieben und näher untersucht worden. Dieser Beitrag soll den aktuellen Kenntnisstand zusammenfassen und eine Übersicht über die bislang im Bereich des Bergbaureviers der Grube Wohlfahrt gemachten Funde geben. Hierzu zählen die pauschal mit "Rescheid" oder "Grube Wohlfahrt" benannten Lokalitäten bei den Ortsteilen Aufbereitung, Grube Wohlfahrt, Schnorrenberg und Schwalenbach.
Paragenese der primären Erze
Unter primärem Erz verstehen wir die unterhalb des Grundwasserspiegels liegenden Teile eines Erzganges, der eine ursprüngliche, nicht durch Oxydation oder Umlagerungsvorgänge veränderte Mineralgesellschaft (Paragenese) aufweist. Es handelt sich vornehmlich um sulfidische Erzminerale wie Bleiglanz. In Rescheid waren diese durch untertägigen Abbau zugänglich, während im alten, oberflächennahen Abbau sekundäre, durch Oxydationsvorgänge veränderte Erze (Weißbleierz) gewonnen worden sind.
Neben Bleiglanz
und den häufigen Gangartmineralen (nichtmetallische, nicht verwertbare
Minerale) Ankerit und Quarz treten in den Rescheider Gängen untergeordnet
bis selten die folgenden Minerale auf:
- Kupferkies (Chalkopyrit)
- Markasit
- Pyrit
- Fahlerz (hier Tetraedrit)
- Voltzin
- Schalenblende
- Schwerspat
- Kalzit
- Harmotom
Nachfolgend soll eine
noch aus der Betriebszeit stammende, aufschlussreiche Beschreibung der Grube
Wohlfahrt und deren Mineralien wiedergegeben werden (W. BORNHARDT, 1912, S.
56):
" Ich habe selbst ein ausgezeichnetes Vorkommen dieser Bleierze auf Grube
Wohlfahrt bei Rescheid in der Eifel kennen gelernt. Dort werden unterdevonische
Grauwackensandsteine, denen untergeordnet Schiefer eingeschaltet sind, von
einer Anzahl parallel verlaufender, in Stunde 10 - 12 streichender und steil
nach Osten einfallender Gänge durchsetzt. An den Salbändern der
Gänge und an den in die Gangspalten eingebrochenen Sandsteinbrocken haben
sich Krystallkrusten von Bleiglanz, Bitterspat und Quarz, meist in dieser
Altersfolge, zuweilen aber auch davon abweichend, abgesetzt. Die Spaltenräume
sind stellenweise völlig zugewachsen; in den meisten Gangteilen sind
aber noch Drusenräume offen geblieben, in denen vielfach Bleiglanzkrystalle
von 5 - 10 cm Kantenlänge und darüber zu beobachten sind. Spateisenstein
und Zinkblende fehlen; Schwefelkies kommt nur in geringen Mengen vor. Schwerspat,
der in der oberen Teufe häufig gewesen ist, ist in den tieferen Bausohlen
nur selten mehr anzutreffen. Vereinzelt finden sich in den Drusenräumen
noch Krystalle von Kupferkies und Fahlerz und, als große Seltenheit,
von Bournonit. Der Silbergehalt des stets grobglanzig ausgebildeten Bleiglanzes
beträgt 7 - 8 g auf 100 kg Erz bei einem Bleigehalt von 80 - 86 %. Die
ersten bauwürdigen Erze haben sich in dem A-Gange, der heute allein in
Abbau steht, in 50 m Teufe gefunden. Höher hinauf hat sich der Gang infolge
des in dem bergigen Gelände besonders wirksam gewesenen Einflusses der
Tageswässer als fast erzleer erwiesen. Zwischen 120 und 200 m Teufe sind
die Erze in besonders reichen Mengen eingebrochen. Der Gang ist aber auch
in der jetzigen tiefsten Sohle, der 320 m-Sohle, noch gut bauwürdig.
Eine wesentliche Veränderung des Gangcharakters ist bis jetzt nicht erkennbar,
und es erscheint danach die Hoffnung wohl berechtigt, dass der Erzreichtum
auch noch auf größeren Teufen anhalten wird. Die bauwürdigen
Mittel endigen im Streichen jedes Mal da, wo schiefrige, wasserundurchlässige
Gesteinsmassen in die Gangspalte hineingerutscht sind."
Bemerkenswert ist in BORNHARDT´s Ausführungen die Erwähnung des Bleiminerals Bournonit (CuPbSbS3). Dieser ist bislang in der Rescheider Paragenese nicht aus Sammlungen oder aus anderen Literaturvermerken bekannt und wurde auch vom Verfasser bisher nicht beobachtet.

Das Mineral Bleiglanz wird in der Mineralogie auch Galenit genannt, dieser Name ist von lat. galena = Blei abzuleiten. Es enthält theoretisch 86,6% Blei und 13,4% Schwefel. Es kann aber auch zahlreiche Spurenelemente (Ag, Cu, Fe, Sb, Zn, As, Se, Bi u.a.) enthalten, von denen vor allem das Silber (Ag) hervorzuheben ist. Der Gehalt an Silber beträgt meist 0,005% - 0,4%, gelegentlich auch mehr. So war Bleiglanz von jeher auch ein wichtiger Rohstoff zur Silbergewinnung, Blei fiel oft nur als Nebenprodukt an.
Silberarmer Bleiglanz wie der aus Rescheid, Bleialf und Mechernich hatte als Glasurerz besondere Bedeutung (konnte unbehandelt zur Herstellung von Glasurschlichen für Keramik verwendet werden) oder wurde zur Herstellung von Bleigläsern (Kristallglas) gebraucht. Seit dem späten 15. Jahrhundert kam ihm weitere Bedeutung durch das Saigerverfahren zu, wo durch Zusatz von silberarmen Bleiglanz beim Schmelzprozess dem Kupfer das Silber entzogen wird.
Bleiglanz besitzt eine perfekte Spaltbarkeit nach allen drei Raumrichtungen. Das führt aufgrund der Kristallstruktur zu einer Absonderung in rechtwinklig begrenzte Körper wie Quader und Würfel. Die gute Spaltbarkeit bedingt auch die leichte Brüchigkeit von reinen Bleierzen, was für die Erzaufbereitung Konsequenzen hat.
Bleiglanz kristallisiert im kubischen System, d.h. die Bleiglanzkristalle entwickeln sich in allen 3 Raumrichtungen gleichmäßig, es entstehen entweder Würfel wie beim Steinsalz oder Oktaeder oder Kombinationen aus beiden (Kubooktaeder). Die Rescheider Erzstufen zeigen meist Würfelform, häufig finden sich auch Kubooktaeder. Größere Kristalle sind oft leicht verzerrt und weisen Parkettierungen infolge von Gitterbaufehlern auf.

Quarz ist in den Rescheider Erzgängen neben Ankerit die häufigste Gangart. Besonders in den Erzen der Schwalen-bacher Gänge ist er ständig anzutreffen. Meist ist er leicht trüb, durch oxydierte Eisenverbindungen gelblich oder bräunlich angefärbt, häufig auch milchig weiß. Manchmal treten auch wasserklare Kristalle auf (Bergkristall). Vereinzelt finden sich auch rauchig braun gefärbte Kristallstufen (Rauchquarz).
Oft bildeten Quarze in Drusenhohlräumen hübsche Kristallrasen oder seltener Stufen mit bis zu mehreren Zentimeter großen Quarzkristallen. Diese sind dann als späte Ausscheidung auf den früher gebildeten Bleierzen und auf Ankerit aufgewachsen.
Im Schwalenbacher Bereich sind häufig Gangbrekzien ausgebildet, in denen Quarz neben eingesprengtem Bleiglanz, Kupferkies und Fahlerz die Gesteinsbruchstücke miteinander fest verkittet.
Auch das
Nebengestein ist hier vielfach verquarzt und ergibt so ein besonders hartes
und splittriges, quarzitisches Material, welches in der Vergangenheit gerne
zum Wegebau benutzt wurde.
Ankerit (CaFe(CO3)2)
Ankerit, von
Bergleuten auch Braunspat genannt, ist eine häufige Gangart der Rescheider
Erzgänge. Vor allem in den östlich gelegenen Gängen ist er
vorherrschend und bildet dort stellenweise die alleinige Gangmasse. So schreibt
von DECHEN:
"Auf der Eisenen Thür ist die vorherrschende Gangart: Braunspath,
der in vielen großen und kleinen Klüften und Drusen in nieren-
und traubenförmigen Gestalten auftritt, daneben findet sich Quarz nur
stellenweise und in den Drusenräumen krystallisiert. Dagegen ist dieser
letztere auf dem Bärwurzel-Gange und auch auf dem After-Gange vorherrschend,
während der Braunspath auf diesem zurück tritt, er findet sich derb
und krystallisiert. In Drusenräumen ist Quarz und Bleiglanz mit dem Braunspath
verwachsen und mit kleinen Braunspathkrystallen überzogen." An der
Oberfläche derartiger nieriger und traubiger Massen erscheinen schuppige,
normalerweise kleine rhomboedrische Kristalle. Größere Individuen
weisen leichte Krümmung der Kristallflächen auf. In frischem Zustand
ist Ankerit gelblichweiß, die meisten Stufen sind jedoch durch Oxydation
des Eisenanteils tief braun gefärbt.
Kupferkies (Chalkopyrit) CuFeS2
Kupferkies ist in den Rescheider Erzen nicht selten im Bleiglanz eingesprengt, aber nie in größeren Nestern zu finden. Durch seine goldgelbe Farbe und evtl. bunte Anlauffarben ist er leicht zu erkennen. In Rescheider Mineralstufen bildet er häufig Kristallrasen und Überzüge aus winzigen idiomorphen Kriställchen (Tetraeder und Kombinationen mit tetraedrischem Habitus) auf größeren Quarz- oder Bleiglanzkristallen. Besonders typisch für Rescheid (Schwalenbacher Bereich) sind dünne Kupferkies-Ummantelungen von Tetraedrit-Kristallen.
Markasit (FeS2)
Markasit wird
wie auch der Pyrit Schwefelkies genannt. Beide sind durch messinggelbe Farbe
und metallischen Glanz gekennzeichnet. Der rhombische Markasit tritt in den
Rescheider Gängen wesentlich häufiger in Erscheinung als der kubische
Pyrit. In der älteren Literatur ist nur pauschal von Schwefelkies die
Rede, vermutlich handelt es sich dann meistens um Markasit. So schreibt von
DECHEN (1866, S. 244): "Auf dem Bärwurzel-Gange sind die Erze weniger
mit Schwefelkies gemengt, als auf der Eisernen Thür." Gerade dort,
auf dem Eiserne Thür-Gang sind v. DECHEN zufolge stellenweise größere
Mengen dieses Eisenminerals aufgetreten: "...Bleiglanz, der sehr mit
Schwefelkies gemengt ist." Von Schwalenbach sind ansehnlich große
Markasitstufen überkommen (Sammlung im Grubenhaus), die in nieriger Form
und in bizarren Kristallaggregaten ausgebildet sind. Das Auftreten in größeren,
monomineralischen Massen scheint in diesem Vorkommen häufiger gewesen
zu sein.

Pyrit wird wie auch der Markasit Schwefelkies genannt. Pyrit ist in dem heute zugänglichen Rescheider Sammlungsmaterial lediglich in Form kleiner Kristalle (Würfel, Pentagond-odekaeder) in Millimetergröße auf Quarz oder Bleiglanz bekannt.
Voltzin (ZnS)
Diese
Cadmium- und Arsenhaltige Variante der Zinkblende kommt in Form millimeterkleiner,
dunkelbrauner Kügelchen auf einigen Erzstufen aus dem Schwalenbacher
Bereich als Rarität vor.

Bislang ist nur ein einzelnes Belegstück einer Schalenblende bekannt, welches mit Sicherheit dem Schwalenbacher Fund-bereich zugeordnet werden kann.
Schwerspat (BaSO4)
Baryt kommt heute nur
in wenigen Sammlungsexemplaren von den Rescheider Erzgängen vor. Darin
sind die weißlichen Kristalle immer recht stark zersetzt. Oft
beobachtet man nur noch die
kammartigen Abdrücke
ehemaliger Barytkristalle im Quarz. Vermutlich ist der Baryt während
der Lagerzeit auf den Halden stark durch saure Wässer angegriffen worden.
Hingegen konnten vor wenigen Jahren unzersetzte, grobspätige Massen auf
eigenen Schwerspatgängen unterhalb von Schnorrenberg, in der Flur Metzigeroder
und bei Wittscheid gefunden werden.
Kalzit (CaCO3)
Kalzit ist nur in wenigen Belegproben in wenig ansehnlichen, weiß-durchscheinenden Kristallen auf Quarz im Schwalenbacher Haldenmaterial vom Verfasser gefunden worden. Das Fehlen von Kalzit bzw. Kalkspat als ansonsten häufige Gangart ist charakteristisch für den Typ der Glasurerzgänge.
Harmotom (Ba(Al2Si6O16)*6H2O)
Dieses typisch hydrothermal gebildete Bariummineral gehört ebenfalls zu den seltenen Mineralien der primären Rescheider Mineralparagenese. Es findet sich vereinzelt auf Erzstufen, meist auf Quarz oder Ankerit in hell-gelblichen Kriställchen von unter 1 mm Größe, die in besonderer Weise das Licht reflektieren. Unter der Lupe sind idiomorphe, längliche Kristalle, die charakteristisch verzwillingt sind (Durchkreuzungszwillinge) sichtbar.

Harmotom
Schwalenbacher Gangzug
Sekundär gebildete Mineralien, also Verwitterungs-, Oxydationserze, Mineralien des „Eisernen Hutes“); Fundort: Pingenzüge verschiedener Gänge, rezent gebildete Minerale aus dem Tiefen Stollen wie Calzit, Aragonit, Selenit/Gips.
Folgende Mineralien sind vertreten:
1. Cerussit (Weißbleierz)
2. Anglesit
3. Pyromorphit (Grünbleierz)
4. Malachit
5. Linarit
6. Plumbojarosit
7. Brochantit
8. Manganoxide
9. Limonit/Brauneisen/Brauner Glaskopf
10. Aragonit/“Eisenblüte“
11. Kalzit
12. Selenit/Gips
BORNHARDT, W. (1912):
Über die Gangverhältnisse des Siegerlandes und seiner Umgebung.
Teil II. Kgl. Preuss. Geol. Landesanstalt, Berlin
BORNHARDT, W. (1912/13): Die Erzvorkommen des rheinischen Schiefergebirges.
In: Metall und Erz, X., H 1
von DECHEN, H. (1866): Orographisch-Geognostische Übersicht des Regierungsbezirkes
Aachen. Verlag von Benrath & Vogelsang, Aachen, 292 S.
FRIEDRICH, G., GERMANN, A. & JOCHUM, J. (1993): Schichtgebundene Pb-Zn-Vorkommen
in klastischen Gesteinen vom Typ Maubach-Mechernich Lagerstättenbildung
durch intraformationale Prozesse. In: Mitt. Österr. Miner. Ges., Vol.
138, S. 93-106
KRAHN, L. (1988): Buntmetall-Vererzung und Blei-Isotopie im linksrheinischen
Schiefergebirge und in angrenzenden Gebieten. Diss. RWTH Aachen 1988
SCHNEIDER, J.C.; HAACK, U.; HEIN, U.F.; GERMANN, A. (1999): Direct Rb-Sr dating
of sandstone-hosted sphalerites from stratabound Pb-Zn deposits in the northern
Eifel, NW Rhenish Massif, Germany. Mineral Deposits: In: Processes to Processing,
Stanley et al. (eds.), Rotterdam, 1287 1290
VOIGT, A. (1952): Die Metallerzprovinz
um das Hohe Venn. In: ERZMETALL, Bd. V, S. 223 - 233