Der Tanzberg bei Keldenich
Literatur:
- Von Oeynhausen; von Dechen, Der Bleiberg bei Commern, Archiv für Bergbau und Hüttenwesen, 1825
- Statistiken der Zs. F. d. Berg-, Hütten- und Salinenwesen im Preußischen Staate
- Koch, Theo; Larres, Friedhelm; Poll, Erich, Geschichte unseres Heimatdorfes Keldenich, 1980
- Sistig, Franz, Kall wie es war wie es ist, Heft 1, 1977
- Sistig, Franz, Kall wie es war wie es ist, Heft 2, 1978
- Slotta, Rainer, Technische Denkmäler in der Bundesrepublik Deutschland 4/I, 1983
Die Schachtanlage Tanzberg um 1914. (Foto Archiv GeoMontanus - unbekannt)

Die Sage vom Tanzberg

In der Überlieferung wird von dem Reichtum der Keldenicher Bergleute erzählt. Sie sollten so zügellos gewesen sein, dass sie im Bergwerk mit runden Broten gekegelt hätten. Der Herrgott ließ schließlich das Bergwerk zusammenstürzen. Die „Sage vom Tanzberg“, die für das Kulturleben der Bergwerksgemeinde wichtig ist, ist als Gedicht überliefert und im folgenden wiedergegeben.

Zu Keldenich am Tanzberg, da ging es lustig zu,
Denn Zymbeln und Schalmeien verbannten jede Ruh.
Da scholl ein lauter Jubel tief in dem Schattenreich,
Ward einst der ort der Freude, der Trauer auch zugleich.

Zu Keldenich am Tanzberg, jetzt um die Mitternacht,
Wie Zymbeln und Schalmeien klingt´s aus verfallnem Schacht,
Es schallt so traurig trübe, aus tiefer, tiefer Gruft,
Es füllet rings die Lüfte ein übler Leichenduft.

Dort wohnte einst vor Zeiten ein Völkchen rüstig Blut,
Es baut beim Lampenscheine sein Zellchen reich und gut.
Da trieb es manche Strecke durch Kluft und Felsgestein,
„ Glück auf“, mein rüstig Völkchen, Gott möge mit dir sein.

Früh morgens mit der sonne, fuhr es an seine Schicht,
Es hing an steilen Felsen sein helles Grubenlicht.
Dann dröhnt von kräftigen Streichen die ganze Unterwelt,
Das blanke Erz der Gänge zu ihren Füßen fällt.

Und was es dort gewonnen mit reger Triebsamkeit,
Es muß zu Tage steigen zu jedem Dienst bereit.
Da fliegt´s durch alle Lande, da macht es Sang und Klang,
Dort unten in der tiefe liebt es nicht Sang und Klang.

Laßt ruhen drum die Klänge in dunkler Bergesnacht.
Es stehen ernste Gnomen dort auf der stillen Wacht,
Zu strafen jeden Frechen, der ihre ruhe stört,
Ihr Heiligtum zu schützen sind sie mit Macht bewehrt.

Was hör ich unten rauschen wie aus dem tiefen Tal,
Das tut des Berges Völkchen in seinem Feensaal.
Da sucht es seine Freude, da treibet es sein Spiel,
Weil an dem Feiertage ruht droben das Gewühl.

Und weithin in der Runde wie ein gestirnter Dom,
Ist herrlich anzuschauen der Glanz der Lichterkron.
Da prangen bunte Blumen in frischen zarten Grün,
Die Säulen all zu schmücken, die sich erheben kühn.

Und auf bekränzten Thronen stehn muntre Spielleut da,
Mit Zymbeln und Schalmeien aus Orten fern und nah.
Es gehet rasch die weise wie auch der Ringelreih´n,
Der Dirnen und der Knappen im traulichem Verein.

Und lauter wird der Trubel und rascher wird das Spiel,
Und schneller dreht sich alles in buntem Tanzgewühl.
Bis alle Sinne schwinden, bis sie erschöpft da steh´n,
Muß alles wie im Wirbel sich nah dem Takte dreh´n.

Da horch, da lispelt´s leise aus jedem engen Spalt.
Es lauert rings verborgen im tiefen Hinterhalt.
Da lispelt es von Rache, es blitzt von Kampfesgier,
Das ist das Heer der Gnomen, das sich versammelt hier.

Und aus der Felsenquelle mit ernstem Angesicht,
Erscheint der Geist der berge, doch ach, sie merken´s nicht.
„ Ihr habt gestört die Ruhe, das Heiligtum der Nacht,
Drum sei euch diese Städte zum Grabe nun gemacht.“

So sprach der Fürst der Zwerge, verschwand in dunkler Kluft,
Doch tönt der muntre Reigen noch immer durch die Luft.
Da knistern rings die Klüfte und schließen sich zum Grab,
Im selben Augenblicke für Mädchen wie für Knapp.

Was rennt mit hast´gen Schritten dort ganz von Schrecken bleich,
Das ist der einz´ge Bote aus jenem Schattenreich.
Er bringt die Trauerkunde, daß alle deckt ein grab,
Da fließet manche träne die Wange still herab.

Wohl eilten andre Knappen mit Eisenschlägel fort,
Um sie hervorzurufen aus dem Verbannungsort.
Doch nimmer wollt´s gelingen, zum Ort gelangt man nie,
Verfallen bleibt die Stätte, verloren jede Müh.

Drum schallt es ´jetzt am Tanzberg in dunkler Mitternacht,
Wie Zymbeln und Schalmeien aus längst verfallnem Schacht,
Drum Schallt es noch so trübe aus tiefer, tiefer Gruft,
Drum füllet rings die Lüfte ein übler Leichenduft.

Doch wenn aus tiefem Schlummer der frühling froh beginnt,
Und durch die weite Schöpfung ein neues Leben rinnt,
Dann sieht man fromme Waller sich jener Stätte nahn,
Wo einst das reich der Schatten sich seine Freiheit nahm.

Sie knien betend nieder und flehen zu dem Herrn,
Daß die verbliebnen Brüder er führe zu seinem Stern,
Aus diesem dunklen Schoße hinauf zum ew´gen Licht,
Daß nimmer ihnen fehle Dein gnädig Angesicht.

Und betend hebt der Priester die Hände zum Gebet,
Und betend drauf verlassen sie all die Ruhestätt´,
Doch gläubig schaut das Auge hinauf zu ew´gen Licht:
Der Vater lässt die Seinen im dunklen Schoße nicht!

Erstmals erwähnt wird der Bleierz-Bergbau am Tanzberg im Jahre 1394. Herzog Wilhelm III. von Jülich überlies am 28. Dezember 1394 seiner Mutter u.a. den Tanzberg mit allen Einkünften zur Altersversorgung. 1494 ist der Tanzberg als Weistum genannt. Die Gewinnung von Bleierzen stand demnach dem Schloß Heimbach zu. Der Zwanzigste musste an die Jülicher Herzöge abgegeben werden.

Die Firma Stiegeler besaß im 18. Jahrhundert die Konzession "Kallerstollen" am Tanzberg. 1723 wurde im Urfttal mit dem Auffahren des Kallerstollens, einem Förder- und Wasserlösungsstollen, begonnen. Im Jahre 1769 hatte dieser schon eine Länge von 2.150 m - hierbei hatte man die Lagerstätte am Tanzberg noch nicht erreicht. Mit dem Kallerstollen stand ein Tageswchacht in Verbindung, der zur Bewetterung und zur Förderung des Bergmaterials diente.

Der Kallerstollen ist offenbar ca. 400 m vom Tanzberg entfernt zu Bruch gegengen. Daraufhin setzte die Firma Stiegeler den Vortrieb aus und befasste sich mit der Gewinnung von Eisenstein. 1818 wurde allerdings nochmals die Gewinnung von Bleierde aufgenommen. Man übertrug dann aber die Gewinnung an Eigenlöhner.

Vortriebsarbeiten an zwei weiteren Stollen zur Gewinnung von Eisenstein wurden1819 als man auf den "Alten Mann" traf eingestellt.

1830 sah sich die Firma Stiegeler außerstande den Bergbau am Tanzberge weiterzuführen. Sie verkaufte den Bergwerksbesitz an die Gesellschaft Pirath & Jung. Die neue Gesellschaft ließ den Tanzbergschacht abteufen. In Jahre 1830 betrug die Belegschaft 50 Mann. 1856 förderte man 16,5 t, 1857 rund 208 t und 1858 nur noch ca. 38 t Bleierde.

1859 wurde eine Haldenwäscherei in Kall errichtet um die alten Abraumhalden aufzubereiten. 1861 betrug die Ausbeute an Bleiglanz, Weißbleierz und Bleischlacken ca. 810 t.

Im Jahre 1870 übernahm die Firma Herbst & Co. den Bergbaubetrieb und ersetzte anschließend die alte Haldenwäscherei durch eine neue Aufbereitungsanlage. Im ersten Quartal 1873 wurde die Produktion aufgenommen und ca. 102 t Bleierz aufbereitet. 1875 wurde der Kallerstollen bei einer Länge von 2.580 m mit einem alten Pingenschacht am Tanzberg durchschlägig. Dieser Schacht - Tanzbergschacht - richtet man anschließend für eine Maschinenförderung ein. 1878 förderte man ca. 1.020 t Bleierde. Die Förderung ging in den nächsten Jahren immer mehr zurück und wurde schließlich 1885 eingestellt.

Im April 1897 wurde der Betrieb wieder aufgenommen. Man begann mit Aufwältigungs- und Versuchsarbeiten. Man teufte einen Wetterschacht ab, der in einer Teufe von 47 m die Stollensohle traf. Da der Kallerstollen zum Teil erheblich eingebrochen war, musste man parallel neue Stollenstrecken auffahren. Der Tanzbergschacht wurde bis in eine Teufe von 112 m niedergebracht und mit einer neuen Fördermaschine versehen. In der Nähe der alten Pingenzüge wurde ein neuer Schacht - den Rötzelschacht - abgeteuft Mit einer Teufe von zunächst 55 m traf er kleinere Erztrümmer an, die im Jahre 1900 zum Abbau vorgerichtet wurden. Zum aufschließen der sogenannten Keldenicher Abteilung wurde vom Tanzbergschacht ein Querschlag nach Süden angesetzt. Dieser wurde 317 m weit vorgetrieben. Bei 235 m länge brachte man einen Überhau an, der eine erzführende Masse von 3 m Mächtigkeit durchquerte. Im selben Jahr wurden auch der Tanzbergschacht und der Rötzelschacht durchschlägig. Man begann mit dem Bau einer neuen Aufbereitungsanlage, die dann Anfang Juli 1901 in betrieb genommen werden konnte. Man gewann aus 6.655 t Haufwerk 377 t Bleierz. Das Problem der Wasserhaltung wurde durch den Einbau einer amerikainschen Duplex-Pumpe auf der 100-m-Sohle gelöst.

Da zu wenig Erze gefördert wurden wurde im Jahre 1902 der Betrieb wieder eingestellt. Zudem machte der Verfall der Bleipreise eine rentable Gewinnung und Aufbereitung unmöglich. Ende 1902 beschränkte sich der Betrieb in der Hauptsache auf Aufschlussarbeiten. Durchgeführte Bohrungen traffen immer wieder auf den "Alten Mann" - aber schließlich auch auf ein ca. 14 m mächtiges Erzlager.

1903 nahm man, nach dem man auf der 31-m-Sohle des Tanzbergschachtes weitere Erzmittel gewonnen hatte die Aufbereitungsanlage nochmals in Betrieb. 1904 teufte man den Tanzbergschacht weiter ab, um das Gangverhalten weiter zu untersuchen. Da man recht gute Erzmittel antraf wurde 1905 die Aufbereitungsanlage umgebaut. Die Erzmittel gingen ab schnell zu Ende uns so wurde Anfang August des selben Jahres der Abbau eingestellt. In den Jahren 1907 und 1908 nur noch Untersuchungs- und Vorrichtungsarbeiten erfolglos durchgeführt. 1908 taucht die Grube zu letzten male in der offiziellen Statistik auf, obwohl bis 1910 weiter gefördert wurde. Dann ruhte der Betrieb bis zum Jahre 1912.

Die Gewerkschaft Kupferberg I aus Wiesbaden erwarb 1912 den Bergwerksbesitz bei Keldenich. Der Betrieb wurde aufgenommen und bis zum Ausbruch des I. Weltkrieges weitergeführt und dann endgültig stillgelegt. Die maschinellen Anlagen wurden verkauft und die Seilbahn, die die Aufbereitungsanlage mit dem grubeneigenen Bahnhof in Kall verband wurde geschleift. Das Fördergerüst und das Kesselhaus blieben noch bis 1929 stehen. Nachdem Martin Claßen die alten Bergwerksanlagen erworden hatte ließ er am 11. März 1929 den Schornstein und eine Woche später das Fördergerüst niederlegen. Kessel- und Fördermaschinenhaus wurden zum Wohngebäuden umgebaut.

Home
Geologie
Mineralogie
Montangeschichte
Impressum
Interessante Links