
Die Eisenhütte
des Klosters Steinfeld in Wehr,
im 16.
u. 17. Jahrhundert
Das Dorf Wehr, westlich vom Laacher See gelegen, gehörte 900 Jahre, von 920 – 1802 zu der Prämonstratenser-Abtei Steinfeld in der Eifel. In der Blütezeit der Eifeler Eisenindustrie betrieb diese Abtei mehrere Eisenhütten in der Nord-West Eifel, und so wurde Steinfeld oft als „Bergmannskloster“ bezeichnet. Den im Bergbau erfahrenen Mönchen entging nicht, dass in ihrer 70 km östlich gelegenen Exklave im Norden des Wehrer Tales, Eisenvorkommen waren.
Nachdem man viel …Arbeidt und mühe aufgewandt hatte … mit adaptierung des eysensteins, … eh man die Eigenschafft des Steins erfahren mögte … schritt man 1585 unter Abt Balthasar Panhausen zu der gewaltigen Investition und erbaute in Wehr einen Hochofen mit einer Halle für das angeschlossene Gießwerk, und nur ein wenig entfernt erbaute man bachabwärts das Hammerwerk! Die Investition war auch für die reiche Abtei Steinfeld nicht so einfach: Abt Balthasar musste einen Kredit über … Zweytausendt Goltgulden Capithals… aufnehmen – eine gewaltige Summe.
Der Standort war günstig:
a)
wurden alle Bäche des wasserreichen Wehrer Tales vor der Hütte
zu einem starken Bach vereinigt, der dann die notwendigen Wasserräder
antreiben konnte;
b) lag die Eisenerzgrube ganz in der Nähe;
c) Holzkohle - der damalige Energieträger – konnte, da die eigenen
Ressourcen bei weiten nicht ausreichten, gut zugekauft werden, da es keine
weiteren Eisen- oder Glashütten im Umkreis gab;
d) als Absatzmärkte lagen die bevölkerungsreichen Städte und
Regionen um Mayen, Koblenz, Andernach und Bonn noch in günstiger Nähe.

Abb.1 zeigt wesentliche Teile der Wehrer Eisenhütte in dem diesem Ausschnitt einer Karte der „Herlicheit Wehr“, die um 1600 entstanden ist. Von links: die „Iserbergkulen“ ( Eisenbergkaul); (die Eisen-) Hütte mit rauchendem Hochofen; die vor der Hütte vereinigten Bäche; und rechts. der Hamer (der Eisenhammer für die Herstellung von Schmiedeeisen.)
Die Wilmühl (Wildmühle, heute .Welschwiesenmühle); das Olbrücker Gericht (Galgen der Herrschaft Olbrück. Hier dargestellt um den Gerichtsbezirk zu kennzeichnen.) Unten: Auffganck der Son(n) = soll Osten sein, ist aber mehr Nord-Ost.
Steinfeld erbaute in einem Zuge den Hochofen, ein Gießwerk und ein Hammerwerk! Letzteres lag etwas unterhalb der Hütte an demselben starken Bachlauf, der über ein Wasserrad hier den Hammer antrieb. Das Eisen wurde dort in einem "Frischfeuer" wieder erhitzt und mit dem Hammer bearbeitet um daraus … flexible ferrum … oder Hammereisen daraus zu machen. Doch laut späterer Vermerke war das Eisenerz zur Herstellung von Schmiedeeisen nicht so recht geeignet, so wurde der Eisenhammer Mitte der 1620er Jahre stillgelegt.
Das Gießwerk erlebte dafür aber einen um so größeren Aufschwung. In einem Streit von 1624 um den Bergzehnten fertigt der Kölner Bergamtman Caspar Engelhardt ein "Memoriall", eine Art technisches Gutachten an, in dem er erwähnt, dass der Wehrer … Eisenstein so schön Goßwerk gibt … Und er schreibt seinem Kurfürsten: Wenn eine Hütte … wohl gehet, dass wöchentlich Ihro Churfürstliche Durchlaucht davon gebühret … ein Reichstaler, auch zwei Reichstaler. So ist es aber mit dieser Hütte ein anderes, weill so gewaltig Goßwerk da gemacht wird, dass sie Ihro Churfürstlichen Durchlaucht 2½ Reichtstaler geben können und ist nicht zuviell. Halten wir fest: Der Bergamtmann des Kölner Kurfürsten, der viele Hütten überprüfte, bestätigt der Wehrer Hütte ein mengenmäßig weit über dem Durchschnitt liegendes "gewaltiges Goßwerk".

Das Produktionsprogramm: Als es um die Mitte des 15. Jahrhunderts hier im Rheinland (!) gelang, durch eine "Zwangssauerstoffzufuhr" im Hochofen die Temperatur um 200°C zu erhöhen und damit das Eisen völlig zu verflüssigen, waren die ersten Erzeugnisse des neuen Eisengusses Produkte für den militärischen Bereich. So wurden auch in der Wehrer Hütte Kanonen und die zugehörigen Kanonenkugeln gegossen, sowie noch …andere Wehr (Waffen).
Bald aber wurden Gusseiserne Erzeugnisse im privaten Bereich auch sehr gebräuchlich. Hier entstand vor allem ein Bedarf im Bereich des Herdes und der Feuerstelle. Die uns allen bekannten gusseisernen Takenplatten, waren meist rechteckig geformt. Sie wurden hinter das Herdfeuer gestellt – und als gute Wärmeleiter gaben sie diese Wärme weiter an die etwas höher gelegene Wohnstube. Dieselben wurden mit der Zeit reich verziert mit Ranken und Blumen – aber auch mit szenischen Darstellungen, zumeist mit Motiven aus der Bibel.
Da aber immer noch die
Herdstelle eine offenen Feuerstelle war, ging die Entwicklung weiter zu
den allseits
geschlossenen Stubenöfen, welche
die gleiche künstlerische Gestaltung erfuhren. Auch Brandrichter gehörten
einst zur Feuerstelle des Hauses. Sie besaßen die Form einer aufrecht
stehenden Säge, in deren Zähne die Töpfe je nach gewünschter
Temperatur oder niedrig über das Feuer gehangen werden konnten. Takenplatten,
Stubenöfen und Brandrichter wurden nachweislich auf der Wehrer Hütte
gefertigt.
In einer Akte von 1665 wird einmal die Produktion von Dupffen ( = Töpfen)
erwähnt, obschon zu vermuten ist, dass die ‚Dupffen-Herstellung’ bei
weitem den größten Teil des Produktionsprogramms ausmachte. Weiter
Gusserzeugnisse dürfen wir im privaten Bereich vermuten – nicht
nur im Bereich der Feuerstelle, sondern auch in der Produktion von Hacken,
Handwerkszeug oder Pflugteilen.


Die
Hüttenmeister: Zum Betrieb einer Eisenhütte brauchte man nicht nur
Erz und Kohle, Wasser und Kapital – man brauchte vor allem auch Fachleute!
Das Ausschmelzen des Eisens, das Beigeben von Zuschlagstoffen zur Verbesserung
der Qualität konnte zu der Zeit – noch ohne vorhandene Labors – doch
nur nach Gefühl und Erfahrung geschehen. So war die Eisenhüttentechnik
ein wohlgehüteter Schatz der Hüttenmeister oder Reidemeister, wie
sie auch genannt wurden.
Erst ab 1604 wissen wir mehr: Die neuen Pächter der Hütte waren Wallonen,
sie kamen aus Sart-lez-Spa im heutigen Belgien, wo in der Nähe (in Verviers
und Lüttich) große Eisenhütten waren. Hier sei nur kurz aufgelistet,
dass Servas Collet (1604-1623); dann sein Sohn Melchior Collet-Hahsenell (1624-1631);
zwischenzeitlich auch Wilhelm Collet-Hahsenell und dann Michael Boßard
( -1673) als Pächter der Hütte oft in Erscheinung treten. Aber
auch die Familien Raque und Pirosson
dürften einst als Eisenfachleute aus
Wallonien nach Wehr gekommen sein.
1604 betrug der Pachtpreis für die Hütte 105 Königsthaler, 6 Zinder (Zentner) goßernes Isens (Gusseisen) und 7 Zinder ReckIsens ( = Schmiedeeisen). Er erhöhte sich aber später auf 200, bzw. auf 300 Thaler.
Mengenberechnungen zur
Wehrer Hütte: Die erwähnten Akten aus dem Düsseldorfer Hauptstaatsarchiv,
vor allem das erwähnte ‚Memoriall’, vermerken doch so
viele Details auch mengenmäßiger Art, dass sich in der Blütezeit
der Hütte, als sie 9 Monate im Jahr produzierte, eine Tagesproduktion
an Eisen mit etwa 1.000 kg (= 1 to) errechnen lässt.
Um eine Tonne Eisen zu erschmelzen bedurfte es 3,5 to Holzkohle, für
deren Herstellung wiederum 25 Festmeter Eichen- oder Buchenholz benötigt
wurden. Das ergibt einen Jahresbedarf von 6.750 fm! Diese Mengen konnten
die Wehrer Wälder bei weitem nicht liefern. Wie üblich bei Eisenhütten,
musste also in großem Stil zugekauft werden. Ein erhaltener Vertrag
von 1625 lieferte inzwischen den Beweis für meine frühere Annahme:
Hüttenmeister Melchior Collet vereinbart mit dem Grafen von Virneburg
die Lieferung von 5.000 ‚Doppelwagen’ Holz aus den Virneburger
Wäldern für die Wehrer Hütte innerhalb von drei Jahren! (Doppelwagen
= vermutlich zweiachsige Wagen im Gegensatz zu den meist gebräuchlichen
Einachs-Karren) Das waren an jedem Werktag des Jahres fast vier Wagen Holz,
die Pferde- Fuhrwerken etwa 20 km weit transportiert werden mussten.
Das Gemisch von Eisenerz, Holzkohle
und Beischlägen, welches täglich über
die Treppe hochgeschafft und von oben in den Hochofen gekippt werden musste,
errechnet sich täglich mit etwa 7 to. Auf die Ausbringung der großen
Schlackenmengen sei ebenfalls verwiesen.
Zum Personalbedarf der
Hütte: Wieviele Männer zuerst im Hammerwerk benötigt wurden
ist nicht zu erkennen, da der Anteil dieser Produktion nirgendwo genauer
definiert wird.
Unter der Voraussetzung, dass die Kohlenbrennerei gänzlich in eigener
Regie betrieben wurde, errechnet sich der Personalbestand der Wehrer Eisenhütte
nach Vergleich mit anderen Eisenhütten jener Zeit wie folgt: 3 Hochofenarbeiter;
6 Sandformer (davon 2 Meister); 3 Putzjungen (für Gusseisen und Formen);
1 Plattenformer; 6 Lehmformer (davon 2 Meister); 12 Erzgräber; 24 Kohlenbrenner;
3 Tagelöhner (zum Erz- und Kohleauftragen). Das ergibt zusammen einen
Personalbestand von 58 Personen für den Gesamtbetrieb. Etwas vergleichbares
gab es nicht in der ganzen Umgebung.
Das Ende der Hütte aber liegt ziemlich im Dunkeln. Doch der Steinfelder
Kellner Leonard Winandt schreibt in einem Brief vom 13.8.1673 an Abt Johann
Luckenrath … Zusammen mit den Boßhardts möchte ich mit
Euer ehrw. Herrlichkeit über den Aufbau der Hütte ausführlich
sprechen, bevor dieses Werk in praxi in Angriff genommen wird… Die Hütte
war also zerstört! Vermutlich durch Kriegseinwirkung. Und da schon mal
lange vorher Klagen über… eine merckliche Abnahme des eysensteins…
geäußert
wurden – scheint die Hütte nicht mehr aufgebaut worden zu sein.
Tatsächlich erscheint nach diesem Datum nie mehr ein Hinweis auf eine
existierende Eisenhütte!
Längst, längst
ist diese Anlage vergangen – und mit ihr die Erinnerung an das Geschehen.
Das Wissen um den Standort der Hütte ging verloren – um das
Produktionsprogramm – um die Hüttenmeister; und auch daran,
dass fast jeder Wehrer Einwohner etwas wallonisches Blut in seinen Adern
trägt ....!
Ausführliche Literatur in: Bruno Andre – Das Dorf Wehr;
Band II.
( erhältlich beim Verfasser, Grabenstraße 37; 56653 Wehr)