
Die Methoden des Erz-Abbaus in der Gemeinde Kall
Die im folgenden Text beschriebenen frühen Methoden der Eisenerzgewinnung haben sich in der Eifel und so auch in Kall bis zur Jahrhundertwende 18./19. Jhd. erhalten. Erst unter der französischen Herrschaft und später unter Preußen änderten sich die Verfahren, und es wurden modernere Gewinnungsmethoden eingesetzt.
Wurden Erzgänge nicht durch Zufall freigelegt, z.B. durch Erdrutsch oder Erosion, versuchten die Bergleute bis ins 18. Jahrhundert hinein mit den altüberlieferten Methoden die Lagerstätten der begehrten Erze zu finden. Vielfach half dabei die Naturbeobachtung:
* Farbe, Geruch oder
Geschmack von Quellwasser verrieten verborgene unter
irdische Erzgänge.
* gewisse Kräuter und Pilzarten, sogenannte Zeigerpflanzen, wachsen über
erzhaltigem Gestein.
* Bäume erreichen über Erzgängen nicht ihre normale Wuchshöhe,
verkrüppeln oder verdorren.
* die in Erzgängen gespeicherte Wärme verhindert in kalten Nächten
das Bereifen
der Gräser.
Eine schon im Mittelalter strittige Methode war das Aufsuchen der Gänge mit Wünschelruten. Dieses Verfahren wird von dem Arzt und Naturforscher Georg Agricola (1494-1555) eingehend beschrieben, jedoch als Zauberei abgetan.
Zeigten sich in der Landschaft die genannten Merkmale, wurden Suchgräben und Schürfgräben angelegt, um den Verlauf des Erzganges, seine Mächtigkeit und die Art des Erzes zu bestimmen. Lohnte sich der Abbau, wurde das Feld den Berggeschworenen angezeigt, in späterer Zeit dem Bergmeister. Gewöhnlich wurde das Feld dann "gemutet", das heißt durch einen vereidigten Markscheider eingemessen. Dieser nahm in Gegenwart der Bergschöffen die "Abpfählung" vor.
Im Wildbann Kall konnte jeder Einwohner gegen Abgabe des Zehnten nach Eisenerzen suchen und graben, musste aber dann auch in Kriegszeiten zusätzliche Leistungen erbringen. Die Zehntabgabe der Bergleute stand durch Schmelzhütte und Waage unter der Aufsicht der fürstlichen Verwaltung in Heimbach.
Nach den Beschreibungen Agricolas legte der Bergmann seine Grubenfelder gerne auf leicht zugänglichem Gelände an, das "gebirgig jedoch mit geringem Gefälle, bewaldet, von gesundem Klima, gefahrlos und auch nicht weit von einem Fluss oder Bach entfernt" ist, mit dessen Hilfe Mineralien gewaschen und nach dem Rösten gelöscht werden können.
In Kall wurden die einzelnen Gruben schon bei der Auffindung mit Namen versehen. So wurden sie z.B. nach dem Finder, besonderen Persönlichkeiten oder Tieren benannt. Es sind einige Namen aus den Kaller Grubenfeldern überliefert worden: "Gottert, alter und junger Hans, Deutscher Kaiser," aber auch: "Goldgrube, alte und junge Leberwurst, Maibaum"
Die Grenzen einer Schürfstelle wurden vom Besitzer durch Grenzpfähle
gekennzeichnet, die durch den Markscheider abgepfählt (gemutet) wurden.
Das Längenmaß für diese umschlossenen Grubenfelder war der
Doppelschritt, das sogenannte Lachter (ca. 2 Meter). Das Pfahlfeld war in
allen Herrschaftsgebieten um Kall ursprünglich kreisrund mit einem Durchmesser
von 8 Lachtern (16 m), dessen Mittelpunkt der Holzpfahl markierte. Diese
Form ist durch Bergordnungen und Weistümer überliefert. Später
wurde die runde Form durch das praktischere Viereck mit 8 Lachtern Kantenlänge
ersetzt. Die Pfähle eines Grubenfeldes waren aus Eichenholz und trugen
vielfach das Zeichen des Besitzers.

Das
Abpfählen der Schürfstelle durch den Markscheider nannte man „
Mutung“.
Der Besitzer kennzeichnete seine Schürfstelle durch Pfähle,
die er mit seinem Hauszeichen gekennzeichnet hatte.
Um das eisenhaltige Gestein aus der Tiefe zu bergen, wurden in den Grubenfeldern Kalls Schächte bis auf die erzführenden Schichten abgeteuft. Entgegen den Aufzeichnungen Georg Agricolas sind dazu in der Eifel keine Schächte mit rechteckigem Querschnitt angelegt worden, sondern sogenannte Reifenschächte mit rundem Querschnitt.
Man grub einen Schacht mit einem Durchmesser von ca. 1,4 m im oberen Bereich, der sich nach unten verengte. Zur Abstützung der Schachtwand wurden junge, reifenartig gebogene Eichenstämmchen in den Schacht eingebaut. Ihre Elastizität erzeugte den Druck nach außen auf die Gesteinswand. Zusätzliche Stabilität brachte Birkenreisig, das zwischen den Reifen verflochten wurde. Im Bereich des Eisensteinlagers erweiterte man die Schächte zu sogenannten "Tummeln". Von dort aus sind vielfach kurze Strecken entlang des Erzlagers vorgetrieben worden, die eine Länge bis 20 m erreichen konnten.
Mit zunehmender Teufe reichte
der einfache Schachtbau nicht aus. Die Bergleute legten nunmehr einen zweiten
Schacht an, der parallel zum ersten mit einem
Achsabstand von 4 bis 8 m in die Tiefe ging. Diese Schächte mündeten
in den gleichen Tummel und sorgten für die notwendige Luftzirkulation
(Bewetterung) in der Grube. Außerdem stand so ein zweiter Schacht zur
Verfügung, der ebenfalls zur Förderung und Entwässerung, aber
auch als Sicherungsschacht bei Gesteinsturz verwendet werden konnte.

Mit dieser Technik erreichte man hier auf der Kindshardt die Eisensteinlager in einer Teufe von 4 bis 8 Lachtern (ca. 8 bis 16 m). Gegen Ende des 18. Jahrhunderts betrugen die Teufen bis zu 15 Lachter (ca. 30 m). Stellenweise wurden Schächte bis zu 20 Lachter (ca. 40 m) tief gebaut. Die Grundwasserlinie bildete bei dieser Art des Abbaues die technische Grenze in der Tiefe. Heute noch erkennt man im ehemaligen Grubenfeld Stahlberg auf der Kindshardt die trichterartigen Vertiefungen der typischen Doppelschachtmündungen der Erzpingen. Aus der Größe der Trichter lassen sich Schlüsse über Tiefe oder Alter der Schächte ziehen.
Eine Reifenschachtanlage gab je nach Größe ca. 3 bis 6 Bergleuten Arbeit und Brot. Da der Kaller Erzbergbau in der Regel nebenerwerblich und eigenwirtschaftlich durchgeführt wurde, waren hier Großfamilien oder mehrere in Genossenschaften zusammen-geschlossene Personen in Eigenlohn tätig.
In einem zeitgenössischem Buch zur Geschichte der Eifeler Eisenindustrie (Virmond 1896) beschreibt der Autor diese meist im Familienverband durchgeführten Arbeiten:
"In der Nähe der Bergdörfer Kall und Sötenich werden jährlich viele tausend Karren Eisengestein vorzüglicher Güte durch den Bergbau gewonnen. Ein Schacht stößt an den anderen, und der eine Haufen erbeuteten Erzes ist größer als der andere. Alle, Männer und Weiber, Knaben und Mädchen, helfen hier einander, das Eisenerz zu Tage zu fördern. Der Vater steigt mit seinem Sohne in den tiefen Schacht mit dem Lämpchen in der Hand; beide suchen das Erz in langen Gängen auf, füllen ihre Körbe damit, und Frauen und Mädchen winden es zu Tage und leeren sie."
Ein so betriebenes Bergwerk konnte unter günstigen Umständen 200 bis 300 Karren im Jahr (450 bis 650 t) fördern. Dabei wurden in der Regel zwei Hauer, zwei bis vier Korbfüller und Träger sowie zwei Zieher oder Zieherinnen beschäftigt.

Haspelwinden
förderten die begehrten Erze über Tage.
Hunderte
dieser einfachen bergmännischen Maschinen standen im Kaller Blei-
und Eisenrevier.
(Georg Agricola, 1494 – 1555)
Die Verhüttung von Eisen wurde vor dem 14. Jh. im Eifeler Raum in unmittelbarer Nähe der Erzgruben durchgeführt. Der erforderliche Gebläsewind wurde dabei von dem natürlichen Windzug des Berghanges oder durch Muskelkraft mit Blasebälge erzeugt. Nach der Entwicklung der Stücköfen und Hochöfen, welche wegen des höheren benötigten Winddruckes wasserbetriebene Gebläse besaßen, zogen die Eisenhütten an die Wasserläufe in die Täler.
Damit trat auch das Problem
des Erztransportes auf. Schwere, für die Last des Eisensteins gebaute
ein- oder zweiachsige Karren mit breiten Radreifen transportierten das
Erz zu den Pochwerken der Hüttenbetriebe. Bei steilen Bergabfahrten
wurden die Wagen mit Baumstämmen abgebremst, die auf der
Erde schleifend hinterhergezogen wurden. Die Seitenwände der Karren
waren durch Rungen gehalten und waren abnehmbar. Dadurch war ein relativ
einfaches Abladen der Erzfracht möglich.

Schwer war die Arbeit der Kaller Bergleute, da mit einfachsten Werkzeugen gearbeitet werden musste. Schlägel und Eisen, bekannt als Symbol der Bergbauindustrie, waren die frühesten (schon aus der Antike auf Vasenbildern überliefert) und einfachsten Werkzeuge der Bergleute. Jahrhundertelang blieben Form und Einsatz dieser Werkzeuge unverändert. Im Laufe der Zeit kam es jedoch zur Ausbildung von Varianten für spezielle Aufgaben, so dass dem Bergmann schließlich ein ganzes Arsenal von Schlag- und Treibwerkzeugen zur Verfügung stand. Insgesamt werden sie in der Bergmannssprache als "Gezähe" bezeichnet.
So sind unterschiedliche Größen der Eisen überliefert.
Geschlagen wurde immer mit den Fäusteln oder Schlägeln, die es für die unterschiedlichsten Anwendungsfälle in vielen Größen gab. Die Eisen wurden an ihren hölzernen Stielen erfasst und mit dem gespitzten Ende an das Gestein gehalten, während man mit dem Fäustel auf das flache Ende schlug. Die Stiele der Fäustel waren verhältnismäßig schlank, damit sie durch ihre Elastizität beim Schlagen höhere Energien entwickeln. Da die Eisen durch den Gebrauch schnell stumpf geschlagen waren, führten die Bergleute stets eine größere Anzahl Bergeisen mit sich. Sie wurden anschließend zum Schärfen in der Schmiede nachgeschmiedet. Andere Werkzeuge waren Durchschlag- und Brecheisen. Sie und die mit Eisenspitzen beschlagenen Holzstangen nutzten die Hebelwirkung, um Gesteine zu lösen. Die Keilhaue wurde zum Lösen lockerer Steine und Erze benutzt, während man mit der Kratze und der Schaufel das gewonnene Gestein oder Erz zum Abtransport in Karren, Tröge oder Körbe verlud.
Das gelöste taube Gestein und die wertvollen Erze mussten vom Bergmann aus der Tiefe geborgen werden. Hierzu benutzte er Hilfsmittel, die das Sammeln vor Ort erleichterten, den Transport innerhalb der Grube zum Schacht ermöglichten und gleichzeitig ohne Umladen die Bergung durch den Reifenschacht erlaubten.
Dazu wurden Kübel benutzt, die ein Volumen von ca. 40 Liter fassten. Sie waren aus kräftigen, hölzernen Brettern wie Fässer zusammengesetzt und durch Eisenbänder verstärkt. Ihre oben weite, nach unten schmale konische Form, erlaubte ein einfaches Einfüllen mit der Schaufel oder mit der Hand. Ein kräftiger Eisenbügel ermöglichte das Einhängen in den Haken des Förderseils. Das Gewicht eines mit Erz gefüllten Kübels erreichte gut 100 bis 120 kg. Die geborgenen Erze wurden mit Schubkarren zur Weiterverarbeitung (Zerkleinern, Auslesen) gekarrt. Das taube Gestein brachte man zum Ablagern auf die Halde, die praktikablerweise direkt neben der Grube, meist ringförmig angelegt war. Teilweise wurde das taube Gestein auch dazu benutzt, um alte, ausgebeutete und verlassene Gruben in der Nachbarschaft wieder zu verfüllen.
Eingedrungenes Regen- oder Grundwasser wurde mit Schöpfkannen in Wasserkübel geschöpft. Die Wasserkübel wiesen eine ähnliche Konstruktion auf wie die Erzkübel. Bei ihnen verjüngte sich die konische Form jedoch zur Öffnung hin, damit das Wasser beim Transport nicht verschüttet wurde. Das aus der Grube heraufbeförderte Wasser ist durch sogenannte Gerinne vom Reifenschacht fortgeleitet worden.
Gefährlich war die Arbeit der Kaller Bergleute. Die Sterberegister
der Pfarrei Kall und der Pfarreien der umliegenden Dörfer berichteten
immer wieder von tragischen Unglücken mit Todesfällen in den Gruben.
Da die Gruben meist nur im Winter und nebenerwerblich betrieben wurden, legte
man sicherlich nicht allzu großen Wert auf teuere Sicherungsmaßnahmen.
1819 führte das Oberbergamt wegen der hohen Zahl von Unfällen die
Unfallmeldepflicht ein. Danach waren Bergwerkunfälle innerhalb von 24
Stunden zu melden. Zur Abwehr von Unfallgefahren erließ das Königl.
Preuß. Oberbergamt Bonn Verordnungen zur Sicherheit bei der Ein- und
Ausfahrten der Bergleute (vom 23. April 1824) sowie die Verordnung gegen
den Betrieb von Reifenschächten (vom 19. März 1829). Leider wurden
diese Verordnungen in Kall und in den Nachbargemeinden nicht sonderlich stark
beachtet, denn der Bergmeister stellte immer wieder Verstöße gegen
diese Festlegungen fest. Ein altes Gebet aus der Zeit der Eisensteingewinnung
lässt erahnen, dass die Bergleute die Gefahren genau kannten, denen
sie in der Grube ausgesetzt waren:
Bergmannsgebet
Wer
weiß, wie nahe mir mein Ende,
ein Grubenkleid, ein Totenkleid.
Drum falt' ich betend meine Hände
und flehe um Barmherzigkeit.
O Herr, Du meine Zuversicht,
Verlaß, verlaß den Bergmann nicht.
Wer
weiß,
wie Nahe mir mein Ende.
Ein Grubenschacht, des Todes Schacht..
Wohin ich meine Augen wende
nur Grau' n, nur finst' re Nacht.
Mein Licht, mein Licht, Emanuel,
komm, mache Du mein Dunkel hell.
Gib mir, o Herr, zum sel' gen Ende
ein wachend und ein betend Herz,
dein Wort als Leuchte in die Hände
zur Fahrt hinauf und niederwärts.
Kommt dann die allerletzte Schicht,
dann zag ich nicht, dann klag
ich nicht.
Still leg ich dann am sel' gen Ende
das schwarze Kleid der Grube ab.
Man legt die ausgelöchte Blende
und mein Gezähe mir ins Grab.
Mir reicht der Herr das weiße Kleid
der himmlischen Gerechtigkeit.
einem alten Eifeler Gebeitbuch entnommen
Unter Vorbereiten verstand
man das Brechen reiner, grobstückiger Eisenerze
auf eine für das Hochofenverfahren günstige Stückgröße
bis ca. 50 mm. Erzstücke die mit taubem Gestein verwachsen waren, wurden
aufbereitet, indem sie ebenfalls durch Brechen zerkleinert wurden. Anschließend
wurden die eisenhaltigen Stücke von Hand ausgelesen. Die Arbeit der
Erzklopfer bezeichnete man mit dem franz. Ausdruck bocquer (Abbildung 14).
Das Aufbereiten der Erze nannte man waschen, da es oftmals mit Unterstützung
des fließenden Wassers durchgeführt wurde. Während das Klopfen
reine Männerarbeit war, wurden in der Erzwäsche auch vielfach Frauen
und Kinder beschäftigt.

Der
Erzklopfer zerkleinert das Erz der Grube um das Erz vom tauben Gestein zu
trennen
und dem Hüttenwerk ein stückiges (für den Schmelzprozes brauchbares)
Erz zu liefern.
(Georg Agricola,
1494 – 1555)
