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Die Montangeschichte von Kall

Ohne Bergbau keine Technik! Diese Wahrheit, gefunden in einem Lehrbuch zur Technikgeschichte, galt auch schon im Altertum. Damals wie heute wäre eine technische aber auch kulturelle Entwicklung nicht möglich gewesen, wenn man es nicht verstanden hätte, die Schätze der Erde zu gewinnen und zu nutzen.

Es waren die außergewöhnlich guten und leicht abzubauenden Erze der Eifel mit Eisengehalten bis zu 40 %, der Holzreichtum, der die notwendige Energie zur Verhüttung in Form von Holzkohle lieferte und die zahlreichen Wasserläufe, die für die Aufbereitung der Erze, aber auch für Hammerwerke und Blasebälge Voraussetzung waren, die die Eifel zum bedeutenden europäischen Wirtschaftsgebiet wachsen ließen. Es stammten im Mittelalter ca. 10% des in Europa produzierten Eisens aus der Eifel, das auf den Märkten Kölns und Triers gehandelt wurde.

Das älteste Bergbaugebiet des Kaller Bezirks ist der Tanzberg bei Keldenich. Er wurde bereits ab dem 3. Jh. v. Chr. ausgebeutet, was durch Funde von keltischen Werkzeugen und Münzen in alten Gängen des Tanzberges belegt ist. Es liegt jedoch auch die Vermutung nahe, dass die Kelten hier ebenso intensiven Eisenerzbergbau betrieben haben, um aus dem manganreichen Brauneisenstein ihre vorzüglichen Stahlschwerter und die als Zahlungsmittel dienenden Eisenbarren herzustellen. Die Verhüttung der Erze ist in unmittelbarer Nähe der Erzgruben durchgeführt worden. Der erforderliche Gebläsewind wurde dabei von dem natürlichen Windzug des Berghanges oder durch Muskelkraft mittels Blasebälgen erzeugt. In vorrömischer Zeit wurde auch an anderen Orten der Eifel Erz verhüttet. Die Ausgrabung eines Eisenschmelzofens aus dem 7. Jahrhundert v. Chr. bei Hillesheim belegt dies. Sie ist die bislang älteste bekannte Verhüttungsanlage für Eisenerz nördlich der Alpen.

Die Ortsansicht von Kall (links im Tal) und Kallerheistert (rechts) nach einer Federzeichnung von Renier Doidkin, um 1722. Im Vordergrund links sind Erzgruben mit typischer Ringhalde und Schachtabdeckung erkennbar. Die heute wieder bewaldeten Berghänge waren damals zur Gewinnung von Holzkohle kahlgeschlagen.

Ab 50 v. Chr. nahmen die Römer das Gebiet für fast fünf Jahrhunderte ein und hinterließen ihre Spuren. Auch sie gruben auf dem Tanzberg nach Bleierz und sicherlich auch nach dem begehrten manganhaltigen Eisenerz im Stahlberg bei Golbach. Die Verhüttung der Erze wird, wie zu keltischer Zeit, in unmittelbarer Nähe der Erzlagerstätten durchgeführt worden sein. Die Römer haben in der Eifel, wie in anderen Kolonien ihres Reiches, die Hüttenindustrie mit Hilfe von Sklaven und der Einheimischen betrieben. Zur Entwicklung der Hüttentechnik haben sie nicht wesentlich mehr beigetragen als die Völker, deren Erfahrungen sie genutzt haben. Plinius schreibt, dass die Eisenschmelzöfen sehr verschiedenartig sind. Offenbar benutzten die Römer die übernommenen Zug- und Gebläseöfen, die Rennfeuer, weiter. Die Angaben ihrer Schriftsteller über die Metallgewinnung sind spärlich und oberflächlich. Aus der gesamten Kaiserzeit liegt keine einzige größere Erfindung vor, die den Römern zugeschrieben werden kann. Selten waren sie fähig, die Technik weiterzuentwickeln, die sie bei anderen Völkern vorfanden.

Bis zur ersten Jahrtausendwende fehlen urkundliche Hinweise auf Eisenerzabbau und Verhüttung in der Nordeifel. Auch Bodendenkmäler sind bisher nicht bekannt. Lediglich der Ort Schmidtheim,erstmals 867 urkundlich erwähnt, weist mit seinem Namen auf frühe Eisenverarbeitung hin. Das Prämonstratenserkloster Steinfeld, im Jahr 1070 gegründet, gab dann im Mittelalter für den Bergbau wichtige Impulse.

Für eine sehr alte Bergbautradition in und um Kall spricht neben dem Festhalten am Reifenrundschacht, nach dessen Art fast alle Schächte bis zu Anfang des 19. Jh. niedergebracht wurden, auch die Kleinheit der alten Verleihungen. Sie hatte eine solche Zersplitterung des Bergwerkeigentums zur Folge, dass ein gewinnträchtiger Abbau der Erze nicht mehr möglich war. Erst im Jahre 1823 erfolgte der Zusammenschluss der Partialfelder zu Konzessionen.

Schon in den Jahren 1180 bis 1200 warb der Graf von Heimbach, der auch Edelherr im Lüttichgau war, wallonische Bergleute und Hüttenleute aus dem alten Montangebiet Lüttich für den Blei- und Eisenerzbergbau in der Nordeifel. Sie siedeln sich im Raum Kall an und gründen die Orte Wallenthal, Lückerath, Wielspütz und Voissel. Es waren frühe Gastarbeiter, die das Wissen um die damals modernen Verhüttungsverfahren mitbrachten. Bergwerks- und Hüttenbetriebe sind aus jener Zeit nicht gesichert überliefert. Eine Steinfelder Urkunde vom 22. März des Jahres 1187 erwähnt erstmals jedoch eine "curia Reytbach". Der Hofname deutet auf ein Reitwerk, Eisenhüttenwerk hin. Die korrekte Deutung der Namens ist aber heute wieder strittig. Die genaue Lage ist unbekannt. Es wird aber zwischen Frohnrath und Golbach am Kallbach gelegen haben. Vielfach wird hier in der Literatur eine der ältesten mit Wasserkraft betriebenen Erzaufbereitungsanlage der Nordeifel vermutet.

Sehr wichtig für die Entwicklung des deutschen Bergbaus ist die sogenannte Goldene Bulle Kaiser Karls IV. vom Jahre 1356. Diese verbriefte nämlich den Kurfürsten unter anderem das Bergregal auf Metalle und Salz, das in der Folgezeit auch auf die Territorialherren übertragen wurde. Da die Goldene Bulle die Grundlage des gemeinen deutschen Bergrechts gebildet hat, gehörte der Eisenerzbergbau auch zu den Bergbauzweigen, die Kraft des Bergregalrechtes dem Verfügungsrecht des Grundeigentümers entzogen waren. Für den Bereich Kall und Golbach besaßen die Grundherren der Herzog von Jülich mit der Herrschaft Dreiborn und der Herzog von Luxemburg mit der Herrschaft Schleiden dieses Bergregal. Sie legten fest, dass jeder Bewohner im Wildbann Kall gegen Abgabe des Zehnten nach Eisenerzen graben denn viele Familien sahen im Blei- und Eisenerzbergbau eine zusätzliche Einnahmequelle zu den spärlichen Einnahmen aus der Landwirtschaft. Es begann eine rege Abbautätigkeit.

Erst im Jahre 1494 wurde das bisher, wie im Mittelalter üblich, nur durch mündliche Weitergabe von Generation zu Generation überlieferte Bergrecht durch das Bergweistum von Kall codifiziert. Dieses Weistum (Weistum im Sinne von beweisen, nachweisen) ist eine bedeutende Rechtsquelle, da sie nicht nur den Bergbau, sondern auch die Eisenindustrie des 15. Jh. näher beleuchtet. Nach diesem stand das Recht des Bergbaus auf Blei und Eisen innerhalb der Bannmeile Kall, die sich bis Zülpich erstreckte, dem Schloss Hengebach (Heimbach) zu. Die Bannmeile Kall, in dem Bergweistum auch "Wildbann Kall" genannt, war ursprünglich ein forstlicher und jagdlicher Bezirk des Jülicher Landesherrn. Diese Bezirksgrenzen galten nach dem Bergweistum praktischerweise auch für den Amtsbezirk des Bergmeisters. Der Landesfürst überließ den freien Betrieb von Bergwerken und Hütten den Eigentümern unter der Verpflichtung, dass von dem gewonnenen Erze, das auf der fürstlichen Hütte zu Kall geschmolzen und auf der dortigen Waage gewogen wurde, den zwanzigsten Teil abzugeben. Es bestand für die Bergleute ein eigenes Berggericht, das aus dem Bergmeister und den Geschworenen zusammengesetzt war. Die Bergleute Kalls durften aus den fürstlichen Waldungen bis zum Schloss Heimbach das Bauholz zum Bergbetrieb holen. Als Gegenleistung verrichteten sie, wenn eine Stadt oder ein Schloss zu belagern war, die Erd- und Schanzarbeiten.

Aber auch die geistlichen Herrn konnten auf Ihren Besitzungen landesherrliche Rechte ausüben. Nach einer Urkunde des Kloster Steinfeld (dem Lagerbuch von 1502/1503, eine grundlegende urbariale Überlieferung des Klosterbesitzes jener Zeit), kontrollierte das Kloster den Bergbau zwischen Urft und Olef. Von Kall bis Schleiden, von Blumenthal bis Nettersheim wurde der Bergzehnte aus den Gruben eingetrieben, die auf Landbesitztümern des Klosters angelegt waren. Die Erze aus den Gruben dieses Raumes wurden in den Reitwerken des Schleidener Tales sowie des Gemünder und Kaller Raumes verhüttet.

Das Eifeler Eisen war zu jener Zeit im deutschsprachigem Raum und in den Nachbarländern bekannt. Sebastian Münster (1489-1552) berichtet in seiner Cosmographia (1544), dass das Eifeler Eisen berühmt sei und sagt in seiner Chronik:
" Unfern von der Grafschaft Manderscheid in den Herrschaften Keila, Kronenburg und Schleida im Thal Hellenthal macht man fürbündig gut Schmiedeeisen, man gießt auch Öfen, die ins Oberland, Schwaben und Franken verkauft werden".
Der Meissener Peter Albinus berichtet dasselbe in seiner 1590 entstandenen Bergchronik, und auch Georg Agricola (1494-1555) hat das Eifeler Eisen gerühmt.

Zersplitterte Besitzverhältnisse und hinzukommende Glaubenskonflikte beeinträchtigten im ausgehenden 16. Jahrhundert das Montanwesen in der Eifel ganz erheblich. Während des Dreißigjährigen Krieges (1618-1648) lag die Eisenindustrie danieder. Nur wenige kapitalkräftige Reitmeister konnten überleben. Andererseits bot der Bedarf an Kriegsmaterial für die größeren Anlagen erhebliche Wachstumschancen. Es ist urkundlich überliefert, dass 1629 "mehrfach gerecktes Kaller Eisen" nach Jülich geliefert wurde.

Nach dem Dreißigjährigen Krieg erlebt die Region Kall einen konjunkturellen Aufschwung der Montanindustrie (siehe Abbildung). Es kommt, vor allem im 18. Jahrhundert, zu vielen Reitwerke Dalbenden (Altwerk) 1646 und Neuwerk 1722, das Reitwerk Münschenrath in Sötenich 1725, eine Schmelzhütte in Kall 1725, die Steinfelder Hütte in Urft 1726, die Hütte Eisenau in Kall 1779 und das Werk Kallbach 1780.

Beitrag von Nikolaus Kley
Montangeschichtliche Zusammenfassung

Der Höhenrücken des Tanzbergs bei Keldenich.
Hier ist der älteste nachgewiesene Standort der Erzgewinnung Kalls (Blei).
Er wurde bereits ab dem 3. Jhd. V.Chr. ausgebeutet.
Erst 1914 wurde das Bergwerk „Tanzberg“ stillgelegt.
Eine mehr als 2000 jährige Bergbauggeschichte ging zu Ende.
(Foto Nikolaus Kley)

Napoleon besetzt 1794 das linke Rheinland und die Eifel (bis 1804). Das Eigentum von Kirche, Adel und Klöstern wird meistbietend verkauft. Die Sprache und die Rechtsprechung der neuen Machthaber werden auch in der Eifel eingeführt. Für den Bergbau bedeutete dies, dass die viel stärker an Persönlichkeiten gebundene französische Gesetzgebung das alte ständestaatlich orientierte Berggesetz ablöste. Das französische Berggesetz hatte die Bodenschätze zur "Disposition der Nation" gestellt, was bedeutete, dass der Bergbau nun unter Genehmigung und Aufsicht des Staates stand. Während der französischen Besetzung brachten die gegen die Einfuhr aus England gerichteten Maßnahmen der neuen Machthaber (die napoleonische Kontinentalsperre) der Eifeler Eisenindustrie einen weiteren konjunkturellen Aufschwung, der in der hervorragenden Qualität der Erzeugnisse maßgeblich begründet lag. Nach dem Ende der Kontinentalsperre und der Öffnung des Kontinents für englisches Roheisen machte sich wieder ein konjunktureller Abschwung bemerkbar, der die Eifel besonders hart traf. Mit dem Zollgesetz von 1818 wurde das billige englische Eisen wieder zurückgedrängt. Es war wieder die besondere Qualität des Eifeler Holzkohleeisens, die den Bezug dieses Produktes von den belgischen Gewehr- und Waffenfabriken begründeten.

Durch den Wiener Kongress im September 1815 wird die Eifel Preußen zugeordnet und wird Preußische Rheinprovinz. Preußen führt 1819/20 eine Neuordnung des Bergrechtes durch und setzt die alten Pfahlrechtsverleihungen wieder ein. Die nördliche Eifel liegt im Zuständigkeitsbereich des Königl. Preuß. Oberbergamtes in Bonn. Dieses Bergamt erlässt in den folgenden Jahren eine Reihe von bergrechtlichen Verordnungen und polizeilichen Verfügungen, die die Sicherheit in Gruben und Schächten der Eifeler Eisen- und Bleibergbaureviere verbessern sollen. So wurde unter anderem eine allgemeine Unfallmeldepflicht eingeführt und der traditionelle Reifenschachtbau zugunsten ausgezimmerter Schächte verboten.

Zu Beginn des 19. Jhd. waren die Eisensteinlagerstätten des Kaller Bezirks bis auf den Grundwasserspiegel abgebaut. Man erkannte, dass ein weiterer Bergbau, also die Erschließung tieferer Lagerstätten, nur durch sogenannte Wasserlösungsstollen möglich wurde. Dazu war es aber nötig, die einzelnen Partialverleihungen in Konzessionen zusammenzuschließen. So entstanden 1823 die Konzessionen Kaller Stollenfeld im Bereich des Heidackerlagers, das Beust-Stollenfeld am Girzenberg, die Konzession Concordia im Bereich der Loshardt und die Konzession Stahlberg im Bereich der Kindshardt. 1825 begann man mit dem Vortrieb des Wasserlösungsstollens im Bereich der Konzession Concordia. Im Jahr 1840 liefen die Arbeiten zum Vortrieb des Beuststollens an. Ab 1865 begann man mit dem Vortrieb des Haak-Stollens.

Das Königl. Preuß. Oberbergamt in Bonn erlässt 1827 ein Verbot der Frauenarbeit unter Tage und verbietet 1836 durch eine "Allerhöchste Kabinettsorder" die Kinderarbeit in den Gruben. Die Berg- und Hüttenbesitzer der Eifel beklagen im Jahr 1844, dass durch den nun wieder freien Zugang des preiswerten englischen und belgischen Gusseisens in das Rheinland das Eifeler Eisen nicht mehr absetzbar war. Sie verwiesen dabei auf die Ursache des Preisverfalls: das ausländische Eisen wurde mit modernen Verfahren in großen Betrieben mit Steinkohle erschmolzen. Trotz der Erhebung neuer und höherer Steuern konnten die ausländischen Erzeugnisse preiswerter bis Köln geliefert werden als Eifeler Hüttenerzeugnisse. Im Jahr 1867 erreichen die Eisenbahngleise die Orte Kall und Sötenich, was nochmals zu einem kurzfristigen Auftrieb des Bergbau im Kaller Revier führte. Das Eisenerz wurde nun nach Eschweiler verkauft, da die Hüttenwerke im Kaller Bereich ihren Betrieb bereits eingestellt hatten. Das Preußische Berggesetz von 1865 schaffte neue Regelungen für die gesamte Montanwirtschaft. Die Wirkung für den Kaller Bergbau war jedoch nur gering, da dieser wenige Jahre später zum Erliegen kam.

In den Jahren 1935 bis 1938, die Zeit der Autarkiebestrebung des Deutschen Reiches, wurde die Lagerstätte der Konzession Stahlberg durch die Preuß. Geologische Landesanstalt Berlin untersucht. Man entdeckte die abbauwürdigen Hauptlagerstätten mit Erzen guter Qualität und hohem Mangananteil. Zu einer weiteren Ausbeutung der Lagerstätte kam es jedoch nicht mehr.